Laternenfest mit PET und Stress

Laternenfest mit PET und Stress

Letzten Donnerstag war bei Mips in der Kita Laternenfest, einen Tag vor dem offiziellen 11.11. genannt Martinstag. Die Kinder basteln dann in ihren Kitas oder Grundschulen Laternchen und marschieren im Idealfall mit ihren liebevollen gestalteten leuchtenden Werken in allen Formen und Varianten singend durch die Strasse. Von akkustischer Gitarre der seeligen Erzieherin begleitet. Alle sind glücklich und am Ende steht man noch am Feuer, isst leckere Kastanien und lauscht einer Geschichte. So ähnlich wie beim Räbeliechtli-Umzug in der Schweiz.

Bei uns lief das Ganze im pragmatischen Berlin-Style ab. Einen Monat im Voraus wurde die Liste aufgehängt, wo man sich eintragen konnte, was man mitbringen wird. Würstchen, Brot, Holz oder Instrument. Die Kinder haben dann im Laufe der letzten Wochen aus PET-Flaschen Laternchen gebastelt, die aussahen wie Vögel. Wir Eltern mussten den Leuchtstab besorgen. Zum Beispiel bei McPaper. So ein Plastikstab mit einem kleinen Lämpchen vorne dran, das nach drei Mal benutzen kaputt in den Müll wandert. Auf jeden Fall nicht nachhaltig. 

Da ich vergessen hatte, mich in der Liste einzutragen kaufte ich Würstchen. Und statt eines Stabes, kaufte ich Flämmchen mit Batterie.

Donnerstag, 16:00 Uhr.

Natürlich war ich wie immer knapp, schnappte Maus in der Schule, ging schnell mit ihr nach Hause, Ranzen ablegen, Mausis Laterne schnappen (auch ne PET-Flasche mit Serviettentechnik), weiter. In der Kita angekommen, zogen wir Mips warm an und gingen dann mit ihr in den Kitagarten, wo in Feuerschalen zwei Feuer flackerten. Ist doch nett. Es gab mit Schmalz bestrichenes dunkles Brot (ich nahm keins, weil ich nicht wusste, wie viele Kinder da schon ihre Finger dran hatten) und Würstchen. Eigentlich hätte ich meine bereits am Morgen abgeben müssen. Wusste ich nicht. Jetzt wollten sie sie nicht mehr. Es wurden drei Lieder gesungen und dann ging’s los.  Die Türe zur Strasse raus war offen. Mittlerweile war’s stockdunkel (17 Uhr). Ich wollte meine zwei Mädels und ihre Laternen an die Hand nehmen, aber Mips war verschwunden! In Panik suchte ich sie, rief sie, aber sie war nirgends zu sehen. Scheisse. Es war dunkel, es waren null Grad und mein zweijähriges Kind war weg. Natürlich hatte sie niemand gesehen, wieso auch. Jeder musste ja auf sein eigenes Kind schauen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit (in Wirklichkeit 5 Minuten) hatte Maus sie im Garten gefunden. Dank ihrer Laterne.  Im hintersten Winkel. Sie hatte sich versteckt, lachte und amüsierte sich. Uff! Mips findet es nämlich in Moment wahnsinnig lustig, sich muxmäuschenstill irgendwo zu verstecken und nichts zu sagen. Mein Ruhepuls, von dem ich mich eh schon verabschiedet hatte, kam wieder etwas runter. Ich setzte sie zur Sicherheit in den Kinderwagen. Nun konnte es losgehen. Aber die anderen waren alle schon weg. Und wo war jetzt Maus?

Zum Glück hat sie am Strassenrand auf mich gewartet. 

Es ging weiter. Nichts von wegen Laternenumzug. Wir hezten der Gruppe hinterher, zusammen mit einem Papa aus unserer Gruppe. Seine zwei Jungs sind ungefähr im gleichen Alter wie Maus und Mips. Wir sahen uns an und sagten wie aus einem Mund. Was für ein Alptraum!

Als wir dann auf dem Schulhausplatz angekommen waren, hörten wir grad noch die letzten Zeilen vom Laternenlied. Die Erzieher winkten und zogen von dannen, die Gruppe löste sich binnert weniger Minuten auf und jeder ging wieder seinen Weg. Check.

Ich hatte nicht mal ein Foto gemacht, weil mein Akku alle war. Tja.

Hätten wir das für dieses Jahr auch abgehakt. Ok. Gehen wir nach Hause. Ich war komplett durchgefroren, fragte mich, ob das Ganze in einer privaten Kita anders abgelaufen wäre und verabschiedete diesen Gedanken auch gleich wieder, weil Mips ja total gerne dahin geht.

Zuhause angekommen gab’s Streit, wer mit wem baden soll oder darf, ich wurde mal wieder als die gemeinste Mutter auf der Welt beschimpft und der Mann musste länger arbeiten und hat von alledem nichts mitbekommen. Ich steckte zuerst Maus, dann Mips in die Badewanne und kochte uns die Würstchen, die ich noch in meinem Rucksack fand.

In Gedanken schweifte ich zum ersten Räbeliechlti-Umzug von Maus und nach Zürich zurück. Wir schnitzen die damals alle zusammen. Assen und tranken und quatschten mit den anderen Eltern. Beim Umzug wurden sogar die Strassenlaternen ausgemacht und die Kinder mit ihren Lichtchen und dem feinen Gesang verzauberten das ganze Quartier. Der unverkennbare süssliche Duft der Räben, wenn die Kerzchen sie erhitzen gehörte genauso dazu, wie der Glühwein und Kinderpunsch im Anschluss...

Natürlich blendete ich die kalten Füsse, die verbrannten Finger, das leere Feuerzeug, die Kerzen, die nicht mehr brennen wollten, die gerissenen oder durchgebrannten Schnüre, das weinende Kind und den Konkurrenzkampf, wer die schönste Räbe geschnitzt hatte, galant aus.

Maus anno 2003

Maus anno 2003

Schon letztes Jahr hatte ich vergeblich nach Herbstrüben gesucht, um für uns Räbeliechtli zu schnitzen (ich glaube aber auch deshalb, weil ich nicht wusste, wie die auf Hochdeutsch heissen).

Andere Länder, andere Sitten. Und eigentlich ist das auch total ok so! Aber nächstes Jahr werde ich meine Kinder mit Leuchtvesten und blinkenden Hunde-Halsbändern ausstatten UND ich werde Räben, sprich Herbstrüben organisieren! Oder einfach schwänzen. Wir werden's sehen.

Übrigens gilt der Räbeliechtliumzug in der Schweiz als lebendige Tradition. Hier mehr darüber.

Verdächtig

Verdächtig

Ausflug zum Baumkronenpfad

Ausflug zum Baumkronenpfad