Berliner

Berliner

Wie ich schon beim Auf die Zähne beissen angedeutet hatte, war ich bei meiner Lieblingsfrisörin die sich als waschechten Ossi geoutet hat. Wir hatten eine amüsante Unterhaltung über Ossis und über Schweizer. Und darüber, dass sie so einige Schweizer Essvorlieben hat. 

Unser Gespräch hatte beim Schweizer Käse angefangen, den sie abgöttisch liebt. Sie meinte, während es sich ihr Freund (ebenfalls Ossi) auf dem Sofa mit Keksen gemütlich macht, hat sie eine Schale mit Schweizer Käse auf dem Schoss. Ich fragte sie, was denn ein typisches DDR Essen sei.

Mit strahlenden Augen erzählte sie mir von Senfeiern, falschem Jägerschnitzel (mit panierten Wurstscheiben, statt echtem Schnitzel) und Knusperflocken von Zetti, zerbrochenes Knäckebrot umhüllt von Schokolade. Und dass viele ihrer Freunde auf Schogetten stünden. Beides Produkte aus der ehemaligen DDR.

Sie fand aber Schogetten schon als Kind eklig. Dafür schwärmt sie für heisse Caotina Schokolade (aus der Schweiz), mit möglichst viel Pulver drin, sodass es dickflüssig ist und schon fast wie Pudding schmeckt. Aber die weisse, unterstreicht sie. 

Sie hätte ausschliesslich Ossis als Freunde. Es gäbe keine Ausnahme.  Das hätte sich halt so ergeben. Sie hätte nichts gegen Wessis oder Zugezogene. Nein. Ich frage sie, an was das liegen könnte. Sie wisse es nicht, es sei einfach ein anderer Menschenschlag. Man verstünde sich blind und ist durch eine gemeinsame Vergangenheit von einem Land, dass es nicht mehr gibt verbunden. 

Während meine Haare mal wieder in den Claire Look gebracht wurden, erzählte mir Hedi (Name geändert) von ihrer Kindheit in der DDR. Das Bananen, exotische Früchte und Rindfleisch eine Seltenheit waren, aber ihr das  als Kind egal war. Sie koche noch heute die Rezepte ihrer Mutter. Es ginge schneller und sei erst noch günstiger. 

Wenn ich ehrlich bin, sieht es bei uns ganz ähnlich aus. Wir essen hier in Berlin viel öfters Raclette und Fondue, mehr als damals in der Schweiz. Und wir importieren jedes Mal wie die hohlen Biberli und Migros Produkte (Wir Schweizer) und laden vorwiegend unsere Schweizer Freunde zum Abendessen ein (oder werden von anderen Schweizerin eingeladen). So bleiben die Kulturen also doch unter sich. Vielleicht trügt ja der Schein des multikultigen Berlins. 

Wie dem auch sein, das Tolle an Berlin ist zumindest, dass man nicht unbedingt neue Freunde findet, sich dafür einmal um die Welt essen kann, um so einen kulinarischen Einblick zu gewinnen. Ausnahmen bestätigen selbstverständlich die Regeln.

Wir geben uns zum Schluss freundlich die Hand. Ich finde sie und ihre Schwäche für Schweizer Käse und Caotina total sympathisch. Freundinnen werden wir nicht, aber das ist ja kein Problem. Hauptsache ich habe einen guten Haarschnitt und einen neuen Ausgehtipp.

Hedis Empfehlung für Ostalgie pur: Echte DDR Menus in der Osseria (kaum zu glauben, dort kriegt man für 4-5 Euro ein Mittagsmenu). Ein Restaurant in Weissensee, das sich auf ehemaliges Ostessen spezialisiert hat. 

Mein Tipp für Schweizer Fondue in Berlin: Das Nola's am Weinberg

Und hier noch eine lustige Episode zum Schluss: Als ich mich am Anfang unserer Berliner-Zeit als echte Berlin-Slang-Kennerin ausgeben wollte, bin ich voll auf die Nase gefallen.

Ich wollte beim Bäcker ein einfaches Brötchen, genannt Schrippe bestellen, stattdessen sagte ich, ich hätte gerne eine Stulle. Der Verkäufer zeigte auf die belegten Brötchen. Ich sagte nein, eine Stulle (statt Schrippe). Und er total genervt. What do you want? A Sandwich? Ich wurde rot, nickte stumm und kaufte es, um mich beschämt davon zu schleichen. Vielleicht wäre ich besser gefahren, ich hätte einfach ein Brötli bestellt.

Ach ja, die Berliner heissen hier übrigens Pfannkuchen. Aber das wisst ihr bestimmt schon.

Wunschzettel vom Mann

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Wunschzettel von Claudia

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