Pech gehabt

Pech gehabt

Es ist, wie wenn man alte Fotos hervor kramt und denkt, ui, so lange ist’s her und so hab ich ausgesehen. Mir geht es grad ähnlich mit Texten, die ich hier auf meinem Rechner abgelegt habe und beim Aufräumen neu entdecke. Viele Geschichten hab ich schon zig Mal mündlich erzählt, aber noch nicht auf Hoi Berlin geteilt. Wie zum Beispiel die hier:

Es war Frühling 2015, wir hatten eine gewisse Routine mit unserem Alltag und mit Berlin entwickelt und so fingen wir an, alte Gewohnheiten oder vermisstes wieder aufzunehmen. Bei meinem lieben Mann war es das Laufen im Park. Der Winter war überstanden und die Tage wieder länger. Perfekt, um abends noch eine Runde im Volkspark zu laufen (und dabei dem Winterspeck zu trotzen). Bei mir war’s unspektakulärer. Nachdem ich meine Rückbildung mit einer Leih-DVD hinter mich gebracht hatte, freute ich mich, abends mal wieder (alleine) auf dem Sofa zu lesen.

Doch die neue alte Gewohnheit sollte nicht wieder Alltag werden. Kaum angefangen und voller Enthusiasmus, verletzte sich mein Mann beim Laufen so stark am Knie das es mit seinen abendlichen Joggingrunden aus war ehe er sich versah.

Er hinkte wochenlang und hoffte vergeblich auf ein selbstheilendes Wunder, bevor er sich dazu entschied, vielleicht doch mal zu einem Arzt zu gehen. Offensichtlich hatte er die Lage gar nicht mal so schlecht eingeschätzt. Ein Arztbesuch in Berlin kostet Zeit (und ganz viel Geduld). Die Schmerzen zwangen ihn zum Handeln. Er rief seine Krankenkasse an und erkundigte sich, ob er sich direkt beim Orthopäden vorstellen darf. Die Dame von der Hotline wies in freundlich (nicht ironisch gemeint) darauf hin, dass er sich einen Spezialisten suchen soll. Ob sie ihm denn einen Namen nennen könnte fragte mein Hubby, der keine Ahnung hatte, wohin er sich nun wenden sollte.

Wir dürfen keine Empfehlungen machen, sagte sie. Ok. Auf Wiederhören. Ein Leiden reichte noch nicht, nun kam noch ein zweites hinzu. Den richtigen Arzt zu finden. Er googelte und telefonierte sich durch sämtliche Listen durch. (Leider ist das in Berlin nicht unüblich). Kriegt man zwischendurch jemanden an die Strippe, dauert es meistens einige Wochen bis man einen Termin bekommt. Kaum zu glauben, aber nach vier Tagen hatte er es geschafft, einen Termin zu vereinbaren. Wow.

Drei Wochen später.

In der Zwischenzeit schmerzte ihn das Knie nur noch sporadisch und er kam sich blöd vor, deswegen zum Arzt zu gehen. Nichtsdestotrotz nahm er seinen schwer erarbeiteten Termin wahr. Schaden kann’s ja nicht. Er fuhr also mit seinem Lieblingsrad zu Doktor Meiers Praxis in die Prenzlauer Allee. Statt zu rennen, fuhr er jetzt Rad.

Dr. Meier drehte und bewegte den Übeltäter in alle Richtungen und kam dann zum Schluss dass es der Meniskus sein könnte. Würde er operiert werden, müsse er mindestens eine Woche im Krankenhaus bleiben. Mein Mann sagte, seine andere Meniskus OP hätte er in der Schweiz ambulant gemacht und wäre innerhalb eines Tages wieder nach Hause gegangen. Dr. Meier sah in ungläubig an und sagte schnippisch, dass wir hier in Berlin und nicht in der Schweiz seien.

Er drückte meinem Hubby einen Überweisungsschein fürs Röntgen in die Hand. Leider ist auch das nichts Unübliches in Berlin. Viele Leistungen, wie auch Medikamente muss man sich selber organisieren.

Er verliess Dr. Meier mit einer halbpatzigen Diagnose und einer Liste, die Kontaktdaten von rund zwanzig Berliner Röntgen Kliniken enthielt. Anrufen müsse er selbst. Ja logisch, was sonst? Und fahren sie möglichst viel Rad, das tut ihrem Knie gut, riet er ihm, schon unter der Tür stehend.

Nach 15 Minuten stand er wieder auf der Prenzlauer Allee.

Mein Mann ging kopfschüttelnd und etwas ernüchtert zu seinem Rad. Aber es war nicht mehr da. Das Schloss auch nicht. Ein schlechter Scherz? Orientierungslosigkeit? Versteckte Kamera? Er konnte es nicht fassen. Es gab keinen Zweifel. Es war das erste Mal gewesen, dass er sein Rad überhaupt öffentlich hat stehen lassen. Also angekettet, versteht sich. Und jetzt war’s einfach weg. Geklaut.

Dann rief er die Polizei an. Mitgefühl? Wieso? Ist ja nur ein Rad. Das hören wir hier den ganzen Tag. Aha und gleich bei der S-Bahn Prenzlauerallee? Alles klar. Sie forderten ihn auf, auf den nächst gelegenen Polizeiposten zu gehen, um Anzeige zu erstatten. Er machte sich, natürlich zu Fuss auf den Weg.

Die Polizisten nahmen den total an der Tagesordnung scheinenden Fall zu Protokoll und rieten meinem lieben (zu tiefst erschütterten) Mann, sich in den umliegenden Fahrradläden umzusehen und in den nächsten Wochen die eBay Kleinanzeigen zu durchforsten. Aber sie machten ihm keine grossen Hoffnungen, ein solches (!) Rad sei bestimmt schon längst über die Grenze oder in Einzelteile zerlegt worden. Das ginge schnell.

Ich glaube ich habe selten einen so desillusionierten Gesichtsausdruck bei meinem Mann gesehen, wie an jenem Tag, als er mit seiner Liste von Dr. Meier, der Polizeilichen Anzeige und seinem arbeitslos gewordenen Fahrradschloss Schlüssel nach Hause kam.

Leider konnte ich ihn auch nicht mit der Geschichte einer Bekannten trösten, die mir erzählt hatte, bei ihr im Haus hätten sie sogar das Treppengeländer durchgesägt um einen Kinderwagen zu klauen. Ist halt Berlin.

Aber zurück zur Knie Geschichte die noch fertig erzählt werden möchte. Nach dem mein Mann sein Verlust einigermassen weggesteckt hatte, nahm er die Liste von Dr. Meier und telefonierte sage und schreibe drei Tage lang die komplette Liste mit den Röntgen Kliniken durch (unten angekommen, fing er oben wieder an). Es schien wie ein schlechter Witz. Niemand ging ans Telefon.

Nach dem dritten Tag ins Leere klingeln hatte er die Schnauze voll. Er pickte sich die eine Klinik die am nächsten bei seinem Büro lag raus und humpelte da hin. Seine Knieschmerzen waren wieder schlimmer geworden.

Als er zum Empfang kam sassen da drei Arzthelferinnen und schnatterten um die Wette. Das Telefon klingelte nonstop und blieb unbeantwortet. Nach einigem Murren und seinen Vorwurf ignorierend, man komme hier telefonisch nicht durch, bekam er seinen Termin. Noch in derselben Woche wurde ein Röntgenbild gemacht.

Mein Osteopath war so nett und hatte uns in der Zwischenzeit eine gute Sport-Klinik empfohlen, die auf Knie OP’s spezialisiert ist. An dieser Stelle: Danke Horst, dass du dich dem Risiko ausgesetzt hast, uns EINE EMPFEHLUNG zu geben. Wir wissen es sehr zu schätzen.

Das Röntgenbild war eindeutig. Der Meniskus war angerissen. Dr. Meier hatte Recht. Aber meinen Mann als Patienten los. Er wandte sich direkt an die Sport-Klinik und bekam schon bald seinen OP-Termin.

Es war ein Routine Eingriff wie beim ersten Mal und mein Hubby innerhalb eines halben Tages per Krankentransport wieder zu Hause.

Heute, fast zwei Jahre später, ist alles wieder im Lot. Horst seit Dank :-)

Der Glückskäfer mit Familientradition

Der Glückskäfer mit Familientradition

Yi-Spa

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