Ein Blick zurück auf 3 Jahre Berlin

Ein Blick zurück auf 3 Jahre Berlin

Exakt drei Jahre waren es, die wir in und mit Berlin verbracht haben.

Drei sehr intensive Jahre, die mit einem Monster-Umzug begannen und mit einem Monster-Umzug (minus zwei Möbelstücken, einem Kinderwagen und sechs Stühlen plus Waschmaschine und PAX Schrank, was die Rechnung wieder ausgleicht) zurück nach Zürich geendet haben.

In dieser Zeit ist bei mir unheimlich viel passiert. Innerlich, äusserlich, perspektivisch, vollumfänglich, feinstofflich und alterstechnisch.

Ja klar, drei Jahre Berlin gehen einem nicht einfach so am Arsch vorbei um es mal gerade aus zu sagen. Und bei mir kommen ja noch all die Monate dazu, die ich in Berlin verbrachte hatte, bevor ich da einen festen Wohnsitz hatte.

Es waren die kleinen Unterschiede, die so viel ausmachten.

Das plötzlich fremd sein, in einer Stadt, die mir früher (noch kinderlos und traumwandlerisch) so vertraut die Hand gereicht hatte, die mich mit ihrer kalten Schnauze immer mal wieder alt aussehen liess, zum Weinen oder zur Verzweiflung brachte. Die Distanzen und die langen, dunklen Tage im Winter machten mich krank. Buchstäblich.

Gesundheitliche Probleme von klein Mips und mir selbst machten das Ankommen schwer. Krankenhausaufenthalte waren echt nochmals eine ganz andere Nummer, im Vergleich zur heilen, netten, sauberen und fürsorglichen Schweiz. Sorry, aber das ist einfach so.

Mir wurde bewusst, wie wahnsinnig viel Glück wir bis anhin hatten, wie unbeschwert unser Leben mit nur einem Kind war.

Einem pflegeleichten Kind, das noch nie im Krankenhaus war (ich fasse mir an den Kopf), noch nie ernsthaft krank und überhaupt total unkompliziert.

Erst jetzt, weit weg von Familie und potentiellen Helfern und mit einem kleinen Mips, bei dem man nicht wusste, was los ist und wie man handeln muss, wurde mir das alles schmerzhaft bewusst und es gab kein Zurück.

hoiberlin-dreijahreberlin (1).jpg

Mein angefangenes Filmprojekt fertig zu stellen, schien komplett unrealistisch.

Kein Geld, keine Kinderbetreuung, keine Energie. Ich wusste nicht recht, an was ich mich nun orientieren sollte. Mir war klar, zurück zum Film will und kann ich nicht. Ich hatte zwei kleine Kinder, mein Mann eine Stelle, bei der er sehr eingebunden war und für die er viel im Ausland unterwegs war. Ich war viel alleine, aber (leider) keine Expat Mum mit goldener Kreditkarte, um das an dieser Stelle mal zu betonen.

Es stellte sich heraus, dass wir gut entschieden hatten, damals mit der Wohnungswahl.

Wir hatten 4 Tage Zeit, eine Wohnung zu finden (Hier geht's zum Beitrag) und schauten uns von der Platte, über Altbau und Neubau alles an. Von West nach Ost, von Nord nach Süd. Einmal Quer durch Berlin.

Im wunderbaren Winskiez sind wir dann gelandet. In einer Berliner Altbau Traumwohnung mit Stukatur, Flügeltüren, Parkett und alten wunderbaren Schachbrett Kacheln in der Küche.

Wie in einem der coolen Vorzeigewohnungen im Buch Freunde von Freunden oder so wie ich mir unser Berlin Abenteuer ausgemalt hatte. Im Verhältnis viel zu teuer, aber diesen Luxus leisteten wir uns. Dafür gab’s nur Mini-Urlaube.

hoiberlin-ziamaria.jpg

Alles war in Gehdistanz zu erreichen. Die Apotheke, Kaisers, mittlerweile Edeka, der Bioladen, später kam noch der Käseladen dazu. Zia Maria (Pizzeria), unser zweites Zuhause, Zahnarzt, Kinderarzt, Hausarzt. Early Bird Gelato (kam auch erst später), Restaurants, Kaffeehäuser, Secondhand Laden und Shops. Kita und später die Schule. Alles in einer Strasse. Was will man mehr.

Je länger wir in Berlin lebten, wurde uns bewusst, dass es ein himmelhoher Unterschied ist, ob man als Schweizer auf Berlin-Besuch ist oder aber richtig hier lebt.

Als Teil vom Ganzen, mit allem drum und dran und Euro Gehalt. Deutlich wurde es immer dann, wenn jemand auf Besuch war und alles so wahnsinnig billig fand.

Was? Das ist die Rechnung für alle? Nicht für eine Person? Ja, man kann wirklich günstig und gut auswärts essen. Das ist toll!

Als ich mit Mips schwanger war, bekam ich nur mit viel Glück und Zureden einer alten Freundin einen Platz beim Kinderarzt und eine Gynäkologin die noch in zumutbarer Nähe von mir ihre Praxis hatte (30 Minuten mit den Öffentlichen. Für Berlin ein Katzensprung).

Arztbesuche waren immer mit stundenlangen Wartezeiten verbunden (auch mit Termin) und dann wurde man im Minutentakt durchgeschleust. Der nächste bitte.

Im Supermarkt an der Kasse musste ich fast so wie am Flughafen meinen Kinderwagen freimachen damit der Kassierer(*in) sehen konnte, ob ich nicht etwa Diebesgut mit raus schmuggelte (Hier mein Beitrag darüber). Bald merkte ich, dass diese Massnahme notwendig war.

Innerhalb von einem Jahr wurde bei uns versucht in die Wohnung einzubrechen, was hier total normal und an der Tagesordnung ist, Kellereinbrüche sowieso, das Fahrrad meines Mannes wurde innerhalb von einer Viertelstunde während eines Arztbesuches entwendet (Hier geht's zum Beitrag: Pech gehabt), obwohl es an einer sehr frequentierten Kreuzung mit einem sehr guten Schloss an einen Fahrradständer gekettet war (der Arzt verordnete ihm während dieses Besuches, möglichst viel Rad zu fahren... Ha!), unser Briefkasten wurde geknackt und Post geklaut, Briefe und Pakete verschwanden regelmässig und waren unauffindbar (fieserweise immer mit Kindergeschenken aus der Schweiz).

Ach ja, unser Navi im Auto wurde auch noch geklaut. Aber das war’s erst mal. Hauptsache uns geht’s gut, oder? Unserem Verbündeten Schweizerfreund in der gleichen Strasse wurde ja zwei Mal das Auto geklaut. Innerhalb zweier Monate. Das muss man auch erst mal übertreffen.

Viele, die schon länger in Berlin lebten, sagten uns, dass dies leider Gottes normal sei für Berlinerverhältnisse und jeder kennt irgendeine Story, die noch krasser ist.

Von wegen Kinderwägen, die von Treppengeländern weggesägt worden sind, von Kaffeetassen, die noch mit Kaffee drin entwendet worden sind, von Schuhen, die vor der Wohnungstüre weggekommen sind.

Mein persönliches i-Tüpfelchen war, als sie bei uns in der Kita die Windeln von Mips gestohlen hatten. Aus der Schublade, die direkt vor dem Spielzimmer der Kinder ist.

Aber war das nun mein Leben in Berlin? Ja, war es. Also besser gesagt, mein Leben im Winskiez im Prenzlauerberg.

Und vermutlich war das genau das Richtige mit einem Baby und einem Kindergartenkind.

Eigentlich wollten wir an den Wochenenden raus fahren, in die Natur. Das dauerte aber immer so wahnsinnig lang und musste geplant sein. Und das sind wir so überhaupt nicht. Also bewegten wir uns in den ersten Monaten fast ausschliesslich im Prenzlauerberg bis mein Mann es nicht mehr aushielt weil er nirgends öffentlich Feuer machen durfte (kein Witz).

hoiberlin-prenzlauerberg.jpg

Wir kauften dann ein aufblasbares Kanu im Sommerschlussverkauf und ein Reiseführer für Wasserwanderungen in Berlin- und Brandenburg. Das Kanu hatten wir (man kann’s an einer Hand abzählen) nur mässig im Einsatz und jedes Mal wenn wir in einem See unterwegs waren, schwamm ausgerechnet bei mir eine Ringelnatter vorbei (kreisch). Dazu kam, dass entweder der See unter Naturschutz stand, Maus streikte oder wir mal wieder viel zu spät dran waren, dass es sich am Ende nicht lohnte es aufzupumpen. Tja.

Gewandert sind wir nur sporadisch und es kam uns auch irgendwie komisch vor. So ohne Berge.

Verliebt haben wir uns in die Gegend von Mecklenburg-Vorpommern (hier geht's zum Bericht) und ich in die Ost-und in die Nordsee. Da würd ich immer wieder hin fahren!

hoiberlin-wolf-streetart.JPG

Aber zurück zu Berlin.

Diesen Reset und den gezielten Schritt ins Ausland haben wir ganz bewusst gemacht um unseren Horizont zu erweitern und weil wir Berlin super fanden.

Ich hatte zwar das Gefühl, ich drehe mich um mich selbst und fühlte mich teilweise unsichtbar, aber rückblickend ist es wohl ganz normal, wenn man ein Kind im Ausland gebärt und ohne Grosseltern und Freunde als Rückhalt ein neues Zuhause aufbaut. Das ist einfach ganz schön viel auf einmal und auch für Maus, die ja mit über vier Jahren auch schon mehr mitschnitt, als nur Eis zu essen.

Viele Berliner (also die echten, die da auch aufgewachsen sind) verstanden es, als wir sagten, wir gehen wieder nach Hause.

Sie meinten, auch sie seien von der Stadt und den Attitüden der Leute genervt, vermissten die Natur und fänden U-Bahn fahren das letzte (ich nicht unbedingt; ist wie RTL 2 kucken). Und sie würden uns besuchen kommen. Mal sehen...

Viele, die wie wir Zugezogen sind sagten mir, dass sie drei Jahre gebraucht hätten, um anzukommen.

Ja. So ging es mir auch. Ich hätte jetzt so richtig loslegen können. Alles war eingetütet. Maus und Mips waren glücklich in Schule und Kita, hatten beste Freunde gefunden und auch wir hatten eine Handvoll liebgewonnener Menschen, die wir gerne und regelmässig trafen.

Der Moment zu gehen und Berlin zu verlassen war eigentlich total doof. Und dennoch. Manchmal muss man die Chancen am Schopf packen wenn sie kommen und Abschiede sind ja auch nie wirklich passend.

Und ja, es scheint, ich habe mich ein stückweit gefunden, wenn man das so sagen kann. Durchs Schreiben oder durch Hoi Berlin bin ich mehr zu mir gekommen und zudem was mir wirklich Spass macht und wofür mein Herz schlägt.

Ich habe zwei grossartige, sehr selbstständige Mädchen (sicherlich auch dank dem Berliner Betreuungssystem) bin noch immer total in meinen Mann verknallt, mit dem ich durch dünn und in letzter Zeit vor allem durch dick gegangen bin (wir beginnen jetzt wieder mit Sport, ehrlich) und ich habe mich mit Berlin versöhnt und zwar so sehr, dass es mir das Herz zerrissen hat, wie bei meinem ersten Liebeskummer, als ich Abschied nehmen musste. Es war grauenhaft und ich habe in den letzten zwei Jahren geheult, als wäre jemand gestorben.

Aber ich weiss mittlerweile, dass diese Verbindung mit Berlin bleibt, dass ich einen Hang zum Drama habe und dass Neuanfänge auch immer was Gutes in sich bergen.

Ich habe in den letzten Monaten so viele tolle Menschen (näher) kennen gelernt, die ich vermutlich nicht so sehr an mich rangelassen hätte, wären wir weiterhin in Berlin geblieben.

Ich habe die Stadt umso mehr genossen und mir richtiggehend einverleibt. Und ich finde, Berlin ist wirklich cool!

hoiberlin-streetart-streetstyle.JPG

Vor allem als dann die Kinder schon in der Schweiz bei den Grosseltern waren, da war er wieder. Der alte Berlinergeist, mit dem ich nächtelang tanzte und der mich schon früher immer wieder anlockte und auch in Zukunft wieder anlocken wird... Wir haben Frieden geschlossen. Oder hat am Ende alles mit mir selbst zu tun? Wer weiss. 

Übrigens, auf der Onlineplattform des wireltern Magazins findet sich ein interessanter Beitrag zum Thema Schweizer im Ausland - Expats: Ausländer auf Zeit. Da gibt's auch einen spannenden Link zu einem E-Coachingprogramm für Expats. Hätt ich das gewusst :-).

Saftiger Marroni Cake ohne Mehl

Saftiger Marroni Cake ohne Mehl

Getrocknete Herbstblätter verzaubern

Getrocknete Herbstblätter verzaubern