Klunkerkranich (Pseudo Single, Teil 2)

Aus dem Tagebuch vom vergangenen Sonntag:

Sonntagmorgen mit Zeitverschiebung, äh, Winterzeit Umstellung. Mips hat heute Geburtstag, aber sie ist in der Schweiz. Es geht mir gut. Ich werde auf sie anstossen. Dennoch ist es schon ein wenig seltsam, dieses Single dasein. Aber morgen sind sie ja zurück. Sie alle. Die Katze ist bestimmt auch froh. Ich kann ihr einfach nicht so viel Liebe entgegnen, wie sie's verdient hätte. 

Was mach ich heute? Die erste Staffel von Love ist durch. Fortsetzung ist erst für 2017 geplant. Die geschenkte Stunde kommt mir zugute. Ich hatte ja vorsichtshalber schon mal recherchiert, was es denn so zu machen gäbe, wenn man alleine in der Stadt ist.

Ich entscheide mich, nach Neukölln zu fahren. Im Klunkerkranich findet um 11 Uhr ein Birdwatching statt. Mein Rucksack, samt Fernglas und Vogelführer der Schweiz (ich werde ihn nicht auspacken) sind schon gepackt. 

Die erste Ernüchterung meines Alleinganges setzt bereits am Alexanderplatz ein. Ich bin ein Junkie-Magnet. Alle betteln genau mich an, schauen mich mit ihren verlorenen Blicken an, schwanken dann wieder davon. Es wimmelt nur so von Zombies, Alkis und sonstigen Alkohol-und Drogenleichen. Ha, ein Vorgeschmack auf Halloween, denk ich. Und ich bin noch nicht mal in die U8 eingestiegen, die rege als Drogenumschlagplatz benutzt wird und dementsprechendes Publikum anzieht. (Mehr dazu).

Ich ignoriere die Sonntagmorgen Gestalten (eigentlich wäre es ja bereits halb zwölf), die Gerüche, die sie verströmen ebenfalls und bin dankbar, hat mein kleiner schwarzer iPod noch genug Akku. Ich höre Rap, weil ich jetzt wieder angefixt bin seit gestern.

An der Karl-Marx-Strasse 66 angekommen, fahre ich mit dem Fahrstuhl in die 5. Etage des Parkdecks und marschiere im Laufschritt zum Eingang des Klunkerkranichs. Ich bin 4 Minuten zu spät und male mir bereits in Gedanken aus, wie furchtbar peinlich es ist, wenn ich zu spät komme; Alle kucken, ich werde rot und schäme mich alleine vor mich hin... 

Ich komme beim Eingang an. Die Türe ist verschlossen. Scheisse, ich hab's verpasst. Jetzt bin ich umsonst so weit gefahren (naja, eine halbe Stunde ist ja normal für Berlin) und habe mir all diese furchtbaren Gestalten angetan. Aber nein. Da steht ein junger Mann mit Fernglas und Wollpulver. Hallo! Birdwatching? Ja, sagt er, du bist die erste. Und vielleicht einzige. Ok. Wiedermal kommt alles anders.

Tatsächlich kommen dann noch weitere Personen dazu. Total entspannt. Es ist bereits viertel nach elf. Mann, diese Berliner Menschen. Die lassen sich aber auch gar nicht stressen. 

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Es hat sich gelohnt! Der Ausblick auf die herbstliche Stadt ist grandios! Ich war schon lange nicht mehr hier, aber ich denke jedes Mal, es ist einfach super hier. 

Die Gruppe ist mittlerweile auf rund acht Leute gewachsen. Wir stehen alleine da mit unseren Ferngläsern. Offiziell wird das Tor erst um 12 Uhr geöffnet. Das Dach gehört nur uns. Die Sonne strahlt, aber es ist frisch. Der Winter steht vor der Tür. 

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Die Vögel lassen auf sich warten. Ein Luftballon und ein Drachen vom Tempelhoferfeld lösen Fehlalarm aus. Dann werden wir belohnt. Eine Wolke Staren schwebt an uns vorbei, Turmfalken ziehen ihre Runden und ein Pärchen Mäusebussarde kreist pfeifend über unseren Köpfen. Anscheinend sind sie auf Herbstbalz. Wir sehen noch ein paar Tauben und Nebelkrähen, die sich auf die Kamine gesetzt haben.

Zum Abschluss entdecken wir Kraniche, die gen' Süden fliegen. Passender könnte es nicht sein.

Ich lerne, dass die Krähen im grauen Gewand, Nebelkrähen heissen und vorwiegend im Osten Deutschlands und in Polen vorkommen. Die für Berlin so typische Krähe ist ein Ossi (ich hoffe jetzt mal, dass das politisch nicht unkorrekt ist...).

Wieder zuhause angekommen, nehme ich eines meiner Lieblingsbücher zur Hand und lese noch ein wenig über Krähen. Dann öffne ich mein wohlverdientes Brooklyn Lager und stosse auf Mips an. Noch einmal schlafen und mein Pseudo-Single Wochenende ist Geschichte. 

© Naturkunden. Krähen. Ein Portrait von Cord Riechelmann.

© Naturkunden. Krähen. Ein Portrait von Cord Riechelmann.

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