Angie und der Sandmann

Also für diejenigen unter euch, die auch ab und zu in Zürich oder sonstwo zur Pedicure gehen; Es sind Welten! OPI Farbpalette, KUSMI Tee und weisse, flauschige Frotteetücher sind reines Wunschdenken. Zumindest, da wo ich neulich gelandet bin. Natürlich findet man auch hier Luxus-Pedicure für teures Geld, aber eben, mit einem Euro-Lohn liegt das dann nicht einfach so mal drin.

Man stelle sich ein Hinterzimmer eines angestaubten Frisörsalons aus den 90ern vor, darin ein Stuhl und ein Beistelltischchen mit Werkzeug für den Kampf gegen die Hornhaut. Umgeben von einem Stilmix aus IKEA und Liquidationsmobiliar. Die Pedifrau mit einem sehr offenen Ausschnitt (vollbusig) und einem Schlitz im Rock, der fast bis zum Unterhosenrand reicht. Freie Sicht auf Frau’s Vorzüge. Oder auch nicht. Während ich ein Fussbad genoss, räumte sie die schon benutzen Handtücher meiner Vorgänger aus. Ich studierte ein Foto (in A4 Format) welches sie an ihren Spiegel geklebt hatte. Es zeigte Angela Merkel (in rotem Oberteil) zusammen mit einem Mann, der einen überdimensionalen Sandmann, ebenfalls in rot vor sich hoch stemmte.

Angie und der Sandmann. Ich überlegte mir, ob das wohl ihr Mann ist und wieso sich Angie auf so ein absurdes Foto einlässt. Im Hintergrund das Brandenburgertor. Die Pedicure begann mit einem Q&A. Wie lange ich schon in Berlin bin, wieso und was wir für unsere Wohnung bezahlen würde. Ich schwindelte, ohne rot zu werden. Sie erzählte mir im Gegenzug von einer Freundin, die mit ihrem Mann und ihren drei Söhnen nach Abu Dhabi gezogen ist. Die hätten zwar ein Einfamilienhaus am Stadtrand von Berlin, aber es wäre so viel lukrativer gewesen, in die Wüste zu gehen, als in Berlin zu bleiben. Also überliessen sie das Häuschen der Grossmutter, die darauf aufpasst. In Abu Dhabi wollen sie bleiben und leben da in einer Siedlung für Ausländer. Sie meinte: Wie die Türken in Kreuzberg! Die mischen sich auch nicht unter die Deutschen. Der ausgewanderte Deutsche ist übrigens Berufsfeuerwehrmann. Und anscheinend sind die total angesagt in Abu Dhabi.

Ich erfuhr in 45 Minuten ihr ganzes Leben. Zwei Töchter im Abstand von 17 Jahren. 25 Jahre verheiratet, seit 2 Jahren getrennt. Ursprünglich beide Bäcker, sie jetzt Kosmetikerin, er hat sich auf Informatik umgeschult, war aber zu dumm dafür. Haus in Hönow, sie nun eine 2 Zimmerwohnung an der Endstation der U5. Keinen Kontakt zur Mutter, dafür einen Liebhaber. Und der Mann mit dem Sandmann sei ein Kunde von ihr, der mit seinem Trabi und dem Sandmann Touristen herumfährt und für wohltätige Zwecke sammelt. Ok, hätten wir das auch geklärt.

Am Schluss meinte sie: Sie hoffe, ich hätte mir gut überlegt, wen ich geheiratet hätte, die grössten A Punkt Punkt Punkte erkenne man leider nicht auf den ersten Blick. Mhm, sagte ich, glauben Sie mir, ich hatte Glück, meiner ist nicht so. Ach, das hätte sie auch gedacht. Aber eben, wie das Leben so spielt. Wissen se, Berlin verändert. Und das fehlende Geld auch… Tja. Ich bedankte mich bei ihr für den wirklich gut gemachten Nail-Job und wünschte einen schönen Tag!