Ein blinder Passagier

Da sind wir also. Die Wohnung ist ein Traum und die Umgebung bietet unglaublich viele Möglichkeiten. Aus den Nachbarn bin ich noch nicht ganz schlau geworden. So hat mir die Nachbarin von oben, als ich sie zum ersten Mal gesehen habe im Treppenhaus zu gerufen, wir sollten schauen, dass wir den Anschluss im Haus möglichst schnell finden, es sei nämlich ein sehr eingeschworenes Team hier, während sie mir das sagte, drehte sie mir den Rücken zu und schob den Kinderwagen zur Haustür hinaus, ich muss zu einer Freundin und habe jetzt keine Zeit, murmelte sie noch. Dann war sie weg. Ich blieb verdutzt im Treppenhaus stehen. Ok, ich gebe mir Mühe, dachte ich. Später merkte ich dann, dass sie den Kontakt zu uns suchte und eigentlich sehr hilfsbereit war, ich hatte ihre Absichten zuerst nicht verstanden. Eine weitere Begegnung mit der Frau von der Wohnung unter uns war so ähnlich. Sie fand, dass unsere Vorgänger gar nicht gepasst hätten und es an der Zeit wäre, dass jemand neues komme. Naja, dachte ich für mich, das kann ja mal heiter werden. Mit oben und unten. Ich merkte, dass hier ein anderer Wind weht, im Norden. Die Leute scheinen sehr direkt zu sagen, was sie denken.

Es ist sommerlich, eher tropisch und Regen und Sonne wechseln sich ab. Es ist schwül und manchmal fühlen sich die Tage an wie an einem Tag in Bangkok oder in einem Fiebertraum. Mein stets wachsender Bauch trägt natürlich auch dazu bei. Vielleicht auch etwas mehr, als nötig, da ich mich mit Maus durch sämtliche Eisdielen und Kaffees mit ihren vorzüglichen selbst gemachten Kuchen durch esse.

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Wir entdeckten, dass wir einen blinden Passagier aus Zürich mitgenommen hatten. Eine Nacktschnecke, die sich in den Erdbeeren verkrochen hatte. Unversehrt sass sie da, auf unserem Balkon und der Umzug schien sie kalt gelassen zu haben. Sie ahnte nicht, dass uns unsere Schweizer Erdbeeren heilig waren und sie als bald umgesiedelt würde. In unseren Hinterhof. Ich hoffe, wir machten damit dem Berliner Ökosystem keinen Strich durch die Rechnung. Ein Brief von der Hausverwaltung wegen Verunreinigung des Hofes durch eine Nacktschnecke ist bis jetzt noch nicht eingetroffen. Ach ja, die Katze ist auch wohlauf und hat sich entspannt. Sie scheint sich ganz gut an die neue Umgebung anzupassen.

Wir besichtigen ein paar Kitas. Maus war natürlich dabei um sich selbst ein Urteil zu machen. Erstaunlicherweise ging das ziemlich flott und es schien ein gutes Timing zu sein, im Sommer einen Kitaplatz zu finden. Das sie schon fast fünf war, konnten wir sogar aussuchen. Das Spektrum war breit, die eine Kita hatte keine Spielsachen, dafür eine Mühle, wo die Kinder selbst Kaffee mahlen durften (für die Erzieher?), die andere war Deutsch-Russisch und die Leiterin warnte mich schon im ersten Gespräch davor, dass die Jungs etwas wild und dominant seien. Die Deutsch-Französische Kita kam für uns auch nicht wirklich in Frage. Wir wollten Maus nicht zu viel zumuten. Und dann war da noch eine. Mit einem grossen Garten wie bei Pippi Langstrumpf und vielen Kindern, die tobten und lachten. Und das war sie dann. Maus wollte da hin. Und ich war froh. Denn die Kita war staatlich und ganz normal, nicht arty und nicht Montessori, sondern einfach bodenständig, was hier keine Selbstverständlichkeit ist. Sobald wir den Kitagutschein haben, kann’s los gehen. Kita und Wohnung sind nun geritzt. Aber. Etwas Existentielles fehlt. Das Internet. Mandy hat ihre Hausaufgaben nicht gemacht. Wir haben noch immer keinen Internetanbieter, geschweige denn einen Aufschalttermin.