Mit Mips im Krankenhaus

Eine etwas längere Geschichte.

Da sind wir also. Im nächst gelegenen Krankenhaus. Mips hat seit Sonntag einen ganz fiesen Husten, bei dem ihr der Schleim im Hals stecken bleibt. (An dieser Stelle muss vielleicht gesagt werden. Sie ist erst 3,5 Monate alt!) Am Donnerstagabend habe ich uns selbst eingeliefert. Mit dem Taxi. „Gibt Baustelle“, meinte der Taxifahrer. Ja, von mir aus! Die ganze Stadt ist im Umbau! Dein Job, finden Weg, oder? Ich war nervlich am Ende. Mein Kind hatte Atemnot und war sehr schwach. Und tatsächlich. Er wollte uns am falschen Ort ausladen. 

Mips hat nur noch gewimmert und ich versuchte mich innerlich zu beruhigen, in dem ich mir immer wieder sagte, dass alles gut kommen wird. Vor dem vermeintlichen Eingang zur Kinderrettungsstelle war alles verbarikadiert und nichts wies darauf hin wo man denn alternativ hinfahren musste. Also kehrten wir wieder um. Ein direkter Weg zum Haupteingang gab's nicht. Wir mussten nochmals alles umfahren. Ich schwitze Blut. Die Dauer des Umwegs:  Von 8 auf 13 Euro. Also eine gefühlte Ewigkeit!

Vor dem Eingang des Krankenhauses  sah es abends um 21 Uhr etwas so aus wie vor dem Berghain. Rauchende Leute vor dem Einang, drinnen aufgeregte Gespräche in allen Sprachen ausser Deutsch. Hallo Berlin! Ich versuchte, eine Panikattacke zu unterdrücken.

Irgendeine abgekämpfte Krankenpflegerin gab mir freundlicherweise Auskunft. Ich musste wieder raus (durch die Rauchschwaden der drei Gestalten in ihren Bademänteln) um das ganze Gebäude rumlaufen, dann einen Stock tiefer und da standen wir. Komplett verloren im Nirgendwo. Ich war auf einer unterirdischen Kreuzung im Keller eines monströsen Krankenhauskomplexes gelandet. Alleine mit meinem 3,5 monatigen Baby, das Atemprobleme hatte. Von weitem sah ich einen Rettungsmenschen rot durch den Gang schimmern, ich schrie ihm zu, wo es denn zur Kinderrettungsstelle ginge. Er deutete auf einen der vier Gänge und rief noch hinter her, dass ich dann mit dem Fahrstuhl in den ersten Stock raufmüsse. Einfach dem Pumucklweg entlangt. Ha! Der hat mir gerade noch gefehlt!

Als ich bei der Rettungsstelle ankam, bot sich mir da ein ähnliches Bild. Alles voll. Die heisere Schwester am Empfang bat mich (hustend und schniefend!), um einen Moment Geduld, dann brachte sie uns in ein Zimmer. Mips wurde an ein Gerät angeschlossen. Die Herzfrequenz und der Sauerstoff wurden überwacht und ein RS-Virus Test durchgeführt. Die Ärztin kam und meinte, wir müssten auf jeden Fall bleiben, sprich die Kleine müsste hospitalisiert werden, aber sie wisse nicht, ob wir hier bleiben könnten. Sie seinen komplett überlastet und kriegten auch schon von anderen Krankenhäusern Anfragen. Oh, sehr ermutigend. Wir waren nun schon  seit 2 Stunden unterwegs. Ich ging auf dem Zahnfleisch.

Endlich bekamen wir doch noch ein Zimmer zugewiesen. Mips musste (in meinen Augen) eine grauenhafte Tortur über sich ergehen lassen. Infusion stecken (Versuch bei beiden Händchen), Blutentnahme, Inhalation etc. Um 23 Uhr konnten wir uns zur Ruhe legen. Um Mitternacht kamen unsere Zimmernachbarn. Eine Familie aus Vietnam. Das Kind röchelte ähnlich wie Mips und übergab sich immer wieder. Das Zimmer, ca. 12 Quadratmeter gross. Wir schliefen mit ca. 1 Meter Abstand in unseren plastifizierten Klappbetten. Ich stand im stundentakt auf, um nach meiner kleinen zu sehen, wenn sie wieder einen Hustenanfall hatte. Ich fühlte mich so verloren in dieser grossen Stadt, die Station schien komplett überlastet zu sein, keine Zeit für Mitgefühl oder Empathie.

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Morgens um 7.30 Uhr war Tagwache. Das Bett musste zusammen geklappt werden, sonst hatte man keinen Platz. Eine Schwester legte uns den Bon fürs Frühstück auf den Tisch. Hier, gehen se in die Cafeteria und holen sie sich selber Frühstück. Ok, auch das noch. Meine Zimmerkumpanin, die kaum ein Wort Deutsch sprach, brachte mir auch welches mit. Sehr nett. Ich erfuhr, dass sie aus Vietnam kommt, dass ihr Sohn Johnny hiesse und das heute der 9te Geburtstag von Vietnam sei. Sie telefonierte mit einer extra dafür mitgebrachten SIM-Karte 1,5 Stunden nach Vietnam und fütterte zwischendurch ihr Kind, das alles wieder erbrach. Da waren wir also. Willkommen in der Grossstadt. Willkommen in der Realität. Als mein Liebster kam um uns zu besuchen, versuchte ich, vornübergebeugt auf dem Tisch zu schlafen. Das funktionierte. Die Vietnam-Mutti bekam auch kurz Besuch. Ihr Mann brachte ihr selbstgekochtes Essen in einer H&M Tüte. Sie schenkte uns ihren Bon und wir konnten gemeinsam essen. Immerhin schmeckte das Essen besser, wie da wo Mips zur Welt gekommen ist. Immer auf die positiven Dinge fokussieren. Ja!

Am Nachmittag ging ich dann los um Maus abzuholen. Schichtwechsel. Wir machten alles, was Maus gerne tut. Eis essen und Filme schauen. Und dann gingen wir schlafen. Ich lag lange wach, weil ich mir grosse Sorgen machte. Mein Mann rief dann noch an und meinte, Mips hätte einen Harnwegsinfekt und kein RS-Virus. Ok, sagte ich und holte meinen fehlenden Schlaf nach.

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Die Tage vergingen und immer wieder wurden Tests gemacht und neue Medikamente ausrobiert. Die Schwestern, wie auch die Ärzte waren in der Zwischenzeit netter geworden. Es hiess, Mips hätte einen restistenten Krankenhauskeim und spreche nicht auf die üblichen Antibiotika an. Na toll. Am vierten Tag kam dann der Oberarzt zu uns ins Zimmer (wir waren mittlerweile in Quarantäne, wofür ich wahnsinnig dankbar war) und meinte, wir müssten Mips so schnell wie mögich eine Art invasive Impfung gegen Masern verabreichen, da sie auf der Station einen Masernfall hätten und der bei so kleinen Menschlein tödlich enden könnte. Ich litt still vor mich hin und unterschrieb eine zehnseitige Absichtserklärung, dass ich über die Risiken aufgeklärt worden sei.

Nach Sage und Schreibe acht Tagen konnten wir das Krankenhaus verlassen. Fazit der Geschichte: Mips hatte einen resistenten Krankenhauskeim und man vermutete einen Ureter Reflux (was sich dann später bestätigte). Weitere Untersuchungen waren geplant. 

Kaum sass ich zuhause in der Küche, weinte ich. Ich weinte, was das Zeug hielt und fühlte mich so einsam, erschöpft und erledigt, wie kaum zu vor. Mips lag friedlich in ihrem Stubenwagen und lächelte. Ich trocknete meine Tränen, nahm eine lange, ausgedehnte Dusche und war dankbar und erleichtert, das wir das überstanden hatten. Für's Erste.