Unsichtbar in Berlin

Es ist ja manchmal schon spannend mit diesen Zufällen. Beim Aufräumen meines Rechners bin ich auf einen Text gestossen den ich genau heute vor einem Jahr geschrieben habe. Er handelt von meiner Sprachbarriere und davon, wie einfach man ungesehen in Berlin leben kann.

Am 30. Januar 2016 schrieb ich:

Es gibt diese Tage, an denen ich ganz gezielt Kontakt mit anderen Menschen meide. Das ist in Berlin ganz einfach. Ich brauche mich nicht mal unsichtbar zu machen. Es geht auch in sichtbarem Zustand. Es ist absolut möglich, einen Tag mit sich selbst zu verbringen ohne die geringste Interaktion mit Mitmenschen. Irgendwie traurig. Oder doch nicht?

Ich kann einkaufen ohne ein Wort zu verlieren, mit den Öffentlichen unterwegs sein, ohne Augenkontakt zu haben, in einem Restaurant ungestört eine Suppe löffeln oder auf dem Spielplatz mit meinem Kind spielen ohne angesprochen zu werden. Strahle ich das aus, funktioniert das auch. Die Leute halten sich daran, und lassen mich in Ruhe. Offensichtlich reicht meine innere Haltung, damit ich das ausstrahle (könnte man auch im umgekehrten Falle nutzen).

Und so kam es auch schon vor, dass mich in der Post einfach ein Typ in der Schlange überholt hat und sich vor mich hingestellt hat. Ohne Pardon, ohne mit der Wimper zu zucken. Und ich? Ich habe es einfach zugelassen. Weil ich keine Lust hatte, mich in irgendeiner Form zu verteidigen, mich blöd anschnauzen zu lassen und laut zu sprechen, so dass es jeder mitbekommt. Nein Danke.

In Berlin ist es nun mal so. Fressen oder gefressen werden. Anschnauzen oder angeschnauzt werden. Und darauf hab ich kein Bock! Dieses ewige Diskutieren und Recht haben wollen in der Öffentlichkeit. Jeder hört zu und muss dann auch noch seinen Senf dazu geben. Und dann komm auch noch ich mit meinem Schweizerakzent, den ich leider beim Sprechen nicht retouchieren kann (beim Schreiben auch nicht aber da kann ich wenigstens nochmals durch den Text gehen oder googlen).

Diese sprachliche Unterlegenheit macht mich fertig. Dieses Ausgesetzt sein im Schlagabtausch zwischen Schweizerdeutsch und Deutsch. Ich bin chancenlos. Deutsch scheint nicht meine Gewichtsklasse zu sein.

Als Schweizerin aus Zürich versteh ich Deutsch. Logo. Ich kann’s lesen und ich kann’s sprechen. In der Schule lernten wir Hochdeutsch. Aber es sind Welten zwischen der Deutschen Sprache Deutschlands und der Deutschen Sprache der Schweiz. Unumstritten. Mittlerweile schaffe ich die ersten Sätze Deutsch auszusprechen, ehe ich mich durch ein Wort oder eine Satzstellung als Schweizerin entlarve. (Es ist auch noch davon abhängig, wie viel ich geschlafen habe und ob ich überhaupt Lust habe, mir die Mühe zu machen).

Je länger ich in Berlin bin, desto mehr realisiere ich, wie schwer Deutsch ist. Und wie unterschiedlich im Vergleich zum Schweizerdeutschen. Wenn ich diese Tatsache zu erklären versuche, verstehen es die meisten nicht. Du sprichst doch Deutsch? Ist doch charmant. Du brauchst doch nicht zu verstecken, dass du Schweizerin bist. Oder du machst doch das ganz gut, für das dass du aus der Französischen Schweiz kommst (kam alles schon vor). 

Es ist einfach total anstrengend, immer Deutsch zu sprechen. Nun verstehe ich auch Maus, dass sie so lange gebraucht hat, bis sie mit Hochdeutsch losgelegt hat. Sie wollte sich erstmal sicher sein und hat erst gesprochen, als sie es perfekt drauf hatte. Im ersten Jahr sprach sie konsequent Schweizerdeutsch. So sehr, dass die Kinder in der Kita ihren Wortschatz um Hoi, Znüni, Müesli und Häsli erweiterten.

Beim Infoabend für die Schule verstand ich wiederum Begriffe wie Federmäppchen (Etui), Hefter (Ordner) und Ries (Papierstapel) nicht. Naja.

Also ist es doch eigentlich ganz ok und keine depressive Verstimmung, dass ich mir ab und zu einen Sprachurlaubstag gönne, indem ich Deutsch sprechen vermeide. Oder? Dafür träum ich zwischendurch auf Deutsch. Also Hochdeutsch. Und so gleicht es sich aus und ich kann's auch einfach lassen mit dem unsichtbar machen. Oder?

P.S. Das Fondü habe ich übrigens letzte Woche bei Kaisers entdeckt. Schweizer Fondue nach Deutscher Rechtschreibung. Ob es das Family Fondue ohne Alkohol wohl nur im Prenzlauerberg gibt? (Hoffen wir mal es ist Bio). Gegessen haben wir's noch nicht. Soweit kommt's noch, ein FONDÜ mit Ü-Pünktchen zu essen. Aber wer weiss. Ist ja reine Formsache.