Schnee!

Es ist fast 18 Uhr, Sonntagabend. Ich mag Sonntage nicht. Sie bereiten mir Unbehagen. Ich muss mich noch daran gewöhnen, 2017 statt 2016 zu schreiben. Wie jedes Jahr. Draussen liegt Schnee. Frischer Schnee. Und es ist kalt, so richtig. So wie wir es uns gewünscht hatten.

Maus und Mips schlafen tief und fest. Mips im Kinderwagen. Sie hatte es schon erwischt, wie wir nach Hause spaziert sind. Und Maus hat sich kurz zu Papi gekuschelt und auch sie wurde überrumpelt. Nun schnarcht sie ruhig vor sich hin. In unserem Bett. Der Mann gönnt sich ein Bad.

Berliner Winter mit Schnee. So muss es sein. Wie damals im Februar 2010. Ich war mit Maus schwanger und für eine Woche bei meiner Freundin Anja in der Hufelandstrasse zu Besuch. Einen halben Meter lag da und es war so ruhig, entschleunigt und besinnlich. Eine Stimmung, die eben nur der Schnee hinkriegt.

Hufelandstrasse

Hufelandstrasse

Wir kamen heute ewig nicht in die Gänge. Bei uns in der Wohnung ist es warm und kuschelig. Maus und Mips spielten lange Lego und Filly Pferde, zwischendurch hörte man sie schreien und toben, dann war’s wieder ruhig. Der Mann und ich sind wahnsinnig müde. Die Weihnachtsferien haben uns sehr geschlaucht. Erholt sind wir nicht. Wie jedes Jahr. Zeit für sich selbst, geschweige denn für uns als Paar gabs nicht. Das sollten wir unbedingt ändern! Doch noch einen Plan für's neue Jahr.

Irgendwo im Haus schreit ein Baby. Vermutlich ist es auf Besuch. Zuwachs hätte ich wohl mitbekommen, obwohl man sehr wenig bei uns im Haus voneinander mitkriegt. Das Geschrei stört mich. Es zerreisst die Stille in Fetzen. Vor unserem Haus ist schon dunkelste Nacht. Ich habe zwei Kerzen angezündet. Eine Duftkerze (Mediterranean Seasalt), die ich von Steffi geschenkt bekommen habe und eine lange, weisse dünne von IKEA.

Die heisse Schoggi im weissen Ovomaltine Becher, den wir anno 2012 aus einer Engadiner Beiz haben mitlaufen lassen (gstübercho) steht vor mir auf dem Holztisch. Unangetastet, mittlerweile nur noch lauwarm und mit einer Milch-Schoggipulver-Schicht, wie es sie eben nur bei stehen gelassener Milch gibt. Die war für Maus bestimmt.

Heute Nachmittag sind wir erst kurz bevor es zu spät war, überhaupt rauszugehen, raus gegangen. Mit einem Bob und dem Kinderwagen. Maus hat Mips im Bob hinter sich her gezogen. Sie macht sich super als grosse Schwester. Beim Vorbeigehen sahen wir hinter einem Auto eine nigelnagelneue Katzentransportkiste stehen. Wir berieten, ob wir sie jetzt oder erst später mitnehmen sollen. Wir überlegten, sie im Gebüsch zu deponieren. Dann fanden wir, wir nehmen sie doch lieber jetzt schon mit.

Mein Mann steuerte auf die Kiste zu. Ein junger Schnösel mit seinem Schosshund, der aus einem nahe gelegenen Haus kam ebenfalls. Schnurstracks. Es war seine. Er hat davon aber nichts mitbekommen. Uff, Glück gehabt. Wie peinlich wär denn das gewesen. Aber eben. In Berlin stellen die Leute ja alles Mögliche raus. Auch wir. Heute zum Beispiel Kleiderbügel. Und die sind jetzt auch schon weg.

Einen guten Hügel zum Schlitteln, respektive Rodeln zu finden ist gar nicht mal so einfach. Es ist ja alles flach. Für uns gibt es die Option Volkspark Friedrichshain, da waren wir letztes Jahr oder Option zwei, Thälmannpark hinter dem Planetarium. Da waren wir heute. Da wars ganz nett und es war nicht so extrem überfüllt und aggressiv wie im Volkspark.

Planetarium Prenzlauerberg

Planetarium Prenzlauerberg

Morgen ist wieder Schule, arbeiten und Kita angesagt. Maus ist unglaublich gewachsen und wir müssen ihr noch eine neue Schneehose besorgen. Ihr Namuk Skianzug ist ihr nun definitiv zu klein. Aber er hat sich gut gehalten. Drei Winter lang. Er war schwarz und mit weissen unterschiedlich grossen Punkten übersät. Wie ein Sternenhimmel. Und das komfortabelste daran war der WC Zipper. Super durchdacht. Wir werden uns wohl für nächsten Winter einen neuen besorgen.

Maus hat uns gestern zum ersten Mal Rührei gekocht. Es schmeckte super lecker und sie servierte es uns ans Bett (ich wurde aus dem Tiefschlaf gerissen). Ohne Zwischenfälle. Heute kochte sie Rührei mit frischen Pilzen. Jetzt ist es ihr Departement. Das Rührei kochen. Sie ist wirklich gross!

Ich habe Valentinsnacht von Silvio Huonder fertig gelesen (siehe Dreikönigstag & Detox). Es hat mich für kurze Zeit süchtig gemacht. Ich habe mich immer wieder davon geschlichen, um (heimlich) weiter zu lesen. Schade, dass es schon zu Ende ist. Bücher, von denen ich die Schauplätze kenne, mag ich besonders gerne. Und es hat grad so gut zum Kälteinbruch gepasst. Hier meine zwei Lieblingspassagen: 

Seite 12: "Paulmann bückt sich tastend auf den Boden und hebt eine Packung gefrorene Milch auf. Sie ist hart geworden wie ein Ziegelstein. Er öffnet den Kühlschrank, der dunkel bleibt, und stellt die Milch hinein. Der Kühlschrank, gut isoliert und ohne Strom, ist im Augenblick wahrscheinlich der wärmste Ort in der Wohnung."

Seite 181: "Er wandte den Kopf zur Seite und sah einen kleinen weissen Farbspritzer auf dem Fenstersims, der nach den Malerarbeiten nie entfernt worden war. Überall auf der Welt gab es solche unbedeutende Ecken, belanglos und banal, gleichzeitig hatten sie ein unermessliches Gewicht. Sie waren dermassen unwichtig, dass nichts ihnen etwas anhaben konnte." (Paulmann, im Krankenhaus Friedrichshain. Da war ich mit Mips.)

Während Maus gestern an einem Kindergeburtstag war, waren wir mit Mips im Volkspark spazieren. Dabei bin ich über einen steifen Wellensittich gestolpert. Ich hatte einen kurzen Schreckmoment, weil ich dachte, er sei echt. Jösses Gott.  Das arme Ding ist erfroren und jetzt fliegt es statt in der Luft über den Gehsteig. Mir kamen die vielen Suchplakate in den Sinn, an denen wir im Sommer zig mal vorbei gelaufen sind. „Wer hat unseren Wellensittich Nemo gesehen?“ Er war grün und gelb, wie der, den ich einen Meter mit meinem Fuss wegkatapultiert hatte.

Ich bat den Mann, das Viech aufzuheben. Er war aus Plastik. Gott sei Dank. Nemo möge in Frieden ruhen. Oder vielleicht hat er es ja auch in den Süden geschafft, wer weiss (ich bezweifle es). Den Plastik Nemo haben wir eingesteckt.

Das Baby hat aufgehört zu schreien. Vielleicht ist es auch eingeschlafen. Wer weiss. Die Flamme der Duftkerze tanzt wie eine Flamencotänzerin mit einem grossen Rock den sie um ihre Hüften schwingt. Hin-und her, mit ganz viel Temperament. Mips regt sich im Kinderwagen. Ihr wird wohl heiss sein. Heute gibt’s Hacktätschli und Härdöpfelstock (Hamburger mit Kartoffelstampf). Mein Magen knurrt. Der letzte Mini Schluck meines Schwarztees mit Milch habe ich soeben ausgetrunken. In der Tasse bleiben ein paar schwarze Punkte zurück.

Ich habe mir vorgenommen, positiver zu denken. Noch ein Vorsatz. So. Mips ruft. Ich soll ihr aus dem Wagen helfen.