Ein Umzug geht nicht spurlos an einem vorbei

Nun sind wir knapp vier Monate zurück in Zürich. Der Winter steht vor der Türe, geschneit hat es trotz vermehrter Ankündigung noch nicht bis zu uns runter. Zürich liegt 408 Meter über Meer, Berlin 34. Die Winterjacken hängen bereit, Handschuhe und Mützen sind in griffnähe und bei den Kindern bereits im Einsatz. Gestern habe ich den Mädels anständige Winterschuhe gekauft. Zum ersten Mal nicht secondhand. Ein Luxus.

Die vielen fremden Leute, die ich anfangs so wahnsinnig nett fand, sind mittlerweile zur Seltenheit geworden. Was ist passiert? Liegt es an mir? An der Jahreszeit? Daran, dass ich nun zurück im Alltag bin und nicht mehr in diesem zurück in Zürich Flash, den ich anfangs als sehr positiven Kulturschock bezeichnet und empfunden habe? Ich weiss es nicht.

Beklagen kann und will ich mich nicht. Es geht uns gut. Dennoch stehen immer noch unausgepackte Kisten bei uns im Keller. Ich weiss nicht mal, was da drin ist. Bücher, denk ich mal. Vermissen tu ich keines. Bis jetzt. Wie seltsam. Eigentlich könnten wir die Kisten genauso gut an die Strasse stellen. Balast abwerfen. Genauso geht es uns mit den Bildern. Noch kein einziges hängt. Mich macht das langsam kirre. Wie soll ich Weihnachtsgeschenke basteln, Adventskalender befüllen, schreiben, einen Job suchen, aufräumen, einkaufen und was weiss ich erledigen, wenn wir noch nicht wirklich eingerichtet sind? Und wie lange kann und muss ich das aushalten?

Berlin-Zürich einfach. 10 Stunden dauerte unsere Fahrt mit dem vollgepackten Auto und Frau Büsensen auf der Rückbank. Sie im bequemen Körbchen, im Katzen Delirium. Die Kinder bereits zwei Wochen bei den Grosseltern in der Schweiz. Ich denke zurück und wundere mich, dass ich so ruhig war. Wir hörten uns ein sehr unjugendfreies Hörbuch an. Praktisch während der ganzen Fahrt. Ich kann's nicht weiter empfehlen. Zu derb.

 
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Ich glaubte zu wissen, was auf mich zu kommt. Wir stellten uns vor, in der Schweiz, in der Heimat ist vieles besser. 

Nun sind wir seit genau 114 Tagen zurück in Zürich. In unserer alten Wohnung, die mittlerweile neu gestrichen ist. Seit vorgestern haben wir einen neuen Kühlschrank und wir haben gefeiert, als hätten wir ein neues Haustier bekommen. Ein neuer Kühlschrank! Wer hätte gedacht, dass man sich so darüber freuen kann. Also ich nicht. Beklagen kann und will ich mich nicht. Es geht uns gut.

Die brennende Frage, wie es uns denn so geht, jetzt wo wir wieder in Zürich leben, stellt kaum jemand mehr. In vier Monaten vergessen die Leute schnell. Wir nicht. Berlin, du fehlst uns. 

Ich merke, dass dieser Umzug nicht so spurlos an den Kindern und mir vorbei geht. Die Umstellung. Das neue Umfeld in der Schule und in der Kita. Man sagt, Kinder stecken das weg. Ja, mag sein. Aber nicht in so kurzer Zeit. Und ich auch nicht. Bei meinem Mann ist es wieder was anderes. Er ist mitten im Berufsalltag und ist selig, wieder in der Schweiz zu sein. Bei seinen Freunden und seinen Bergen. Und das ist nicht abschätzig gemeint. Das ist etwas Schönes. 

In der Zwischenzeit waren da so ein paar Situationen. Solche, bei denen ich sofort wusste, ah, ja genau. So war's auch damals. Vor knapp vier Jahren. Dieses Schweizerische, dieses mit dem Finger auf etwas zeigen, auf eine Ungenauigkeit oder etwas, das man falsch gemacht hat. Zum Beispiel in der Kita. Ich hatte Mips um 9:05 gebracht und stand vor verschlossener Türe. Ich klingelte und rief an. Erst als ich an die Tür klopfte, kam jemand. Da war es bereits 9:10.

Es war nicht so, dass wir herzlich willkommen geheissen wurden, so à la, schön seid ihr da, nein. Ich wurde sehr vehement zurecht gewiesen, dass mein Kind bitte vor 9:00 Uhr da sein müsse, ansonsten gehe man davon aus, dass wir nicht kommen würden und sie wollen keine Laufkundschaft von wegen um Punkt 9:00 Uhr werde imfall z'Znüni gegessen und man wolle nicht gestört werden. Ich fühlte mich danach völlig erschlagen. Das könnte genauso in Berlin passiert sein. Da ist ein schroffer Ton an der Tagesordnung. Aber hier? In meiner heilen Welt?

In der Schule kämpft Maus. Mit dem, was gelernt werden soll, mit dem Finden von Freunden und Verbündeteten und mit einer strengen Lehrerin. Ich merke, wie es ihr langsam aber sicher vergeht. Das in die Schule gehen. Und ich könnte heulen. In Berlin hatte sie eine so fürsorgliche emphatische Lehrerin, einen schönen Klassenverband. Die Kinder hielten zusammen. Es mangelte zwar an materiellem. Das Geld fehlte an jeder Ecke. Aber es war sehr menschlich. Ich verstehe sie, wenn sie abends im Bett weint und wieder "nach Hause" nach Berlin zurück will. Was soll ich ihr sagen?

Meine Tante schrieb mir neulich eine SMS. "Danke für die Geburtstagskarte. Sie kam einen Tag zu spät". Ich fasste es nicht. Einen Tag???  Wer nimmt sich denn heute bitte noch Zeit, Geburtstagskarten von Hand zu schreiben und diese zur Post zu bringen? Ist es am Ende nicht die Geste, die zählt? Eben.

 

Auch in Zürich ist die Welt nicht heil und nicht alles Gold was glänzt.

Ich spüre einen sehr grossen Druck auf die Schulkinder. (Wir sprechen von der 2. Klasse). Es wird kein Blatt vor den Mund genommen. Maus erzählt mir, Kinder werden nach Hause geschickt wenn sie etwas vergessen haben (geht man davon aus, dass die Eltern zuhause sind?) oder sie müssen Probleme mit anderen Kindern selber lösen. "Du bist eine Katastrophe", "halt deinen Mund" oder "du machst alles falsch", bringt Maus mit nach Hause. Solche Ausdrücke sollten eigentlich verboten sein. Sind die fleissigen ruhigen Kinder die Guten, die etwas langsameren, auffälligeren, aufmüpfigeren Kinder die Bösen? Da haben wir's wieder. Dieses altbackene, engmaschige, schweizerische...

Mips hat wieder angefangen sich einzupullern. Im Sommer war sie trocken. Am Tag und in der Nacht. Drei Monate vor ihrem dritten Geburtstag. Wir waren alle so stolz und waren erstaunt, wie schnell sie das alleine hingekriegt hatte. Und jetzt? Sie braucht wieder Windeln. Und ich Geduld und Nerven. 

Die Kinderärztin meinte, es kommt vor. Und es kann gut sein, dass dieser Umzug eben doch nicht spurlos am so unbeschwerten kleinen Mips vorbei gegangen ist. Auch sie vermisst ihre Kita, ihre Freundinnen, ihre Erzieher und ihr altes Kinderzimmer unserer Berliner Wohnung. 

Und auch ich komme ins Hadern. Wie geht's weiter? Was mache ich 2018? Wie oft kann ich noch nach Berlin? Wo ist mein Platz in Zürich? Ich bin gespalten. An beiden Orten fühle ich mich zuhause. Finde es hier entspannt, in meiner Sprache sprechen zu können und in Berlin so zu sein, wie ich bin. Die Liste könnte ich endlos fortsetzen.

Es braucht seine Zeit. Und die nehm ich mir. Nehm ich uns. Es wird schon kommen. Aber das Ganze ist viel subtiler, vielschichtiger und nicht schwarz-weiss. Diese paar Jahre in Berlin haben was mit uns gemacht. Haben uns geprägt und verändert. Beklagen kann und will ich mich nicht. Es geht uns gut.

Ein Umzug geht halt einfach nicht spurlos an einem vorbei.