Berliner Herzschmerz wo bist Du?

Liebes Berlin

Heute vor einem Jahr haben wir Dich verlassen und sind in Zürich, unserer neuen alten Heimat eingetroffen.  Einen symbolischeren Tag für unseren Einzug in die Heimat hätte es wohl nicht geben können (1. August = Schweizer Nationalfeiertag). Die Schweizer Flaggen, Lampions und Höhenfeuer haben uns begrüsst, als hätte man sie nur für uns arrangiert.

Die Mädels nahmen wir in einem Migros Restaurant in Empfang, auch das hätte kaum klassischer sein können. Wir assen Birchermüesli (Klassiker!) und ich versuchte, meiner Mutter und den Kindern meinen frisch tätowierten Unterarm vorzuenthalten. Sie wunderten sich, wieso ich bei der Hitze langärmlig war. (Ich auch, aber irgendwie hatte ich keine Lust auf Konfrontation).

Bereits zwei Wochen zuvor hatten sich Maus und Mips von Dir verabschiedet. Und das ziemlich souverän. Fröhlich haben sie gewinkt und sind dann mit der Oma, die jetzt wieder Grosi heisst, ins Flugzeug gestiegen. 

Heute, ein Jahr, nachdem ich Dich verlassen habe, vermisse ich Dich nicht mehr so verrückt, wie anfangs. Ich bin nun wieder in Zürich zuhause. In der Stadt, wo ich geboren worden bin. Ich habe aber dank Dir, eine grosse Horizonterweiterung erleben dürfen, die mir erst mit den Monaten so richtig bewusst geworden ist. Ich seh zwar noch in etwa gleich aus (ein paar Falten und Speckröllchen mehr), aber innerlich ist was mit mir passiert.

Anfangs lagst Du mir unverdaut im Magen. Hast mir Verdauungsstörungen verursacht. Schmerzen und Unwohlsein. Ich war positiv überrascht von Zürich und mochte es da zu sein, aber abends lagst Du bei mir im Bett und hast mir immer wieder ein schlechtes Gewissen ins Ohr gehaucht und mich gefragt, wieso wir denn jetzt schon hätten gehen müssen. Es wäre doch gerade so schön und perfekt mit uns gewesen. Und ja, Du hattest ja recht. 

Du bist wie ein Rauschmittel. Deine Entzugserscheinungen sind hart und ich war auf kaltem Entzug. Zürich half mir dabei, auch wenn ich die unzähligen Highs und rauschartigen Momente mit Dir nicht missen möchte. Ich habe Dich in diesem Jahr auch ein paar Mal besucht und das hat sich toll angefühlt!

Ich bin Dir dankar, für die Zeit, die wir zusammen hatten, dafür, dass Du mich an meine Grenzen gebracht hast, dafür dass Du mir gezeigt hast, was meine Bestimmung ist und wo meine Stärken und Leidenschaften liegen. Danke auch, dass Du für meine Mädels immer etwas Besonderes sein wirst und sie Freundschaften schliessen durften, mit Dir und mit Menschen, die zu Dir gehören.

Ich schätze Deine Unperfektheit und vermisse die manchmal im glatten Zürich. Du bist gross. Zu gross für mich. Du bist gierig. Du saugst Energie. Du hast aber auch das Talent, mir das Gefühl zu geben, Berge versetzen zu können. Du bist schmutzig und das hat mich immer genervt. Ich bin froh, muss ich mich nicht mehr so vielen Gestänken, so vielem Trash und Glasscherben ausweichen. Aber hey, ausgesetzte Stühle gibt’s im Fall auch hier einige! Das hätte ich ja niemals gedacht. 

Liebes Berlin, die Zeit vom Herzschmerz ist vorbei. Ich habe ein Jahr gebraucht, um mich von Dir zu lösen, Dich zu überwinden und meinen neuen Platz finden. Nun bin ich da und angekommen. Und so auch die Mädels und der Mann sowieso.

Sie sprechen gut von Dir und so mach ich es auch. Und wir freuen uns, wenn wir Dich besuchen und Zeit mit Dir verbringen können oder wenn wir unsere Berliner-Tipps teilen dürfen. Keine Bange, wir kommen immer wieder zu Besuch Aber wir gehen dann nach ein paar Tagen wieder nach Hause. Und das ist jetzt in Zürich. Und das ist gut so. 

Danke liebes Berlin! 

Herzlich Claudia

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